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11.03.08

»Ein Handy-Display, was ich einfach ausrollen kann, wenn ich surfen möchte«

Herr Prof. Dr. Karlheinz Blankenbach von der Hochschule Pforzheim hat viele Visionen im Bereich der neuen Displays. Besonders spannend findet er eines seiner aktuellen Forschungsprojekte, die Kombination von elektronischem Papier und flexiblen Displays. Im Gespräch mit elektroniknet redet der Experte offen über die marktwirtschaftlichen Auswirkungen der Entwicklung bei LCDs und OLEDs und welche Chancen Deutschland dabei hat.

Herr Prof. Dr. Karlheinz Blankenbach

Herr Prof. Dr. Karlheinz Blankenbach

Herr Prof. Dr. Karlheinz Blankenbach, welche aktuellen Neuheiten gibt es bei Displays?
Das wäre als erstes e-Signage, ein neuer Trend zu großformatigen Werbeanzeigen, wo Papier durch elektronische Displays ersetzt wird. In diesem Bereich sind seit einigen Monaten Plasma-Panels und LCD-Panels mit entsprechenden Eigenschaften verfügbar.
Ein zweiter, sehr großer Trend ist das sogenannte elektronische Papier, das auch im Sonnenlicht gut lesbar ist und sehr wenig Strom verbraucht. Stellen Sie sich vor, Sie müssten Ihre Zeitung morgens nicht mehr aus dem Briefkasten holen, sondern hätten ein gleich gutes Display, was sich per WLAN die Daten holt.
Ein weiterer Trend sind organische Leuchtdioden für Hinterleuchtungs- bzw. Beleuchtungsanwendungen. Speziell die Hinterleuchtung eröffnet ganz neue Chancen für die Produkte, zum Beispiel im Bereich beleuchteter Schalter.
Im Bereich Signalverarbeitung für Fernseher hat sich in jüngster Vergangenheit die 24p-Technik durchgesetzt. 24p heißt, ich kann damit Blu-ray-Discs, die mit 24 Bildern pro Sekunde aufgenommen worden sind, ruckelfrei und originalgetreu wiedergeben.

Für welche Anwendungsbereiche eignen sich die neuen Displays insbesondere?
Die e-Signage-Anzeigen werden den gesamten Bereich Werbung revolutionieren, insbesondere vom Design-Flow her: ich muss meine Werbebotschaft nicht mehr drucken lassen und kann sie zudem minütlich wechseln. Die Anzeigen lassen sich tagesgerecht sowie kundenspezifisch gestalten.
Die Vision bei e-Paper-Displays: ein ausrollbares Display auf einem UMTS-Handy, über das ich bequem im Internet surfen kann.
OLEDs für Hinterleuchtungsanwendungen können etwa im Automobil- oder Flugzeugbereich eingesetzt werden: viele kleine Tasten, energieeffizient beleuchtet, eröffnen dort neue Designmöglichkeiten.

Herr Prof. Dr. Karlheinz Blankenbach

Herr Prof. Dr. Karlheinz Blankenbach

Gelingt den OLEDs Ihrer Meinung nach in diesem Jahr der Durchbruch?
Durchaus ja! In Fernost wurden in den vergangenen Jahren große Investitionen in Activ-Matrix-OLED-Fabs getätigt, die nunmehr große Stückzahlen produzieren. Das heißt, im hochvolumigen Bereich für Consumer-Produkte stehen jetzt kleinformatige Anzeigen zur Verfügung. Schlüssel zu diesem Erfolg sind neben einer deutlich besseren Beherrschbarkeit der Produktprozesse auch die materialseitigen Verbesserungen zu Gunsten der Lebensdauer.

LCD oder OLED - Ihr Favorit?
Beide Techniken haben spezifische Stärken und Schwächen. OLED ist eine noch relativ junge Technologie. LCD ist ja schon sehr etabliert. OLED und LCD sind definitiv konkurrierende Produkte. Die Millionen-Dollar-Frage lautet, eine sogenannte »Killer«-Applikation für OLEDs zu finden. Die sucht man seit Jahren, aber es hat sie noch keiner gefunden.
Die OLEDs haben sehr viele Vorteile, zum Beispiel im Bereich Blickwinkelunabhängigkeit. Sie sind sehr dünn, sehr flach, stromsparend, leichtgewichtig und damit prädestiniert für mobile Anwendungen, für stylische Fernseher, Laptops oder nur wenige Millimeter dicke PC-Bildschirme. Diese Vorteile der OLEDs versuchen natürlich die LCDs als etablierte Technik zu kontern. Das heißt, auch dort hat sich in den vergangenen Jahren viel getan in Richtung verbesserter Blickwinkel, bessere Schaltzeichen und einfach, relativ dünn zu werden. Beim modernen Laptop ist ein LED-hinterleuchtetes Display auch nur noch fünf Millimeter dick.

Und welche Technik finden Sie nun besser?
Der Bildeindruck bei OLEDs wird oft als angenehmer empfunden als bei LCDs. Man muss aber auf die Applikation achten: Für Videoanwendungen relativ problemlos, besteht bei industriellen, automobilen oder auch e-Signage-Anzeigen mit einem sehr hohen statischen Bildanteil eine Einbrenngefahr, ähnlich wie wir es von beispielsweise Plasma-Panels her kennen.

Herr Prof. Dr. Karlheinz Blankenbach

Herr Prof. Dr. Karlheinz Blankenbach

Welche marktwirtschaftlichen Auswirkungen hat die derzeitige Entwicklung bei LCDs und OLEDs? Welche Chancen hat Deutschland?
Die Produktion von Flachdisplays findet praktisch ausschließlich in Fernost statt. Nichts desto trotz gibt es viele deutsche Firmen, die auf ihrem Gebiet Weltmarktführer sind. Beispiele sind sowohl im LCD- als auch im OLED-Bereich Materialhersteller, wie die Firma Merck für Flüssigkristalle und organische Leuchtdioden-Materialien sowie die Firma Novaled aus Dresden.
In beiden Disziplinen gibt es auch sehr starke deutsche Zulieferer für Produktions-Equipment nach Fernost. Insofern sehe ich die Chancen für Deutschland, von diesem Display-Boom zu profitieren, als sehr positiv an. Es werden im Übrigen sehr viele hoch qualifizierte Stellen in der Forschung und Entwicklung geschaffen.

Welche Forschungsprojekte finden Sie zurzeit besonders spannend?
Am spannendsten finde ich die Kombination von elektronischem Papier und flexiblen Displays. Die Vision ist ein Handy-Display, was ich einfach ausrollen kann, wenn ich im Zug sitze und einmal surfen möchte, um nicht mehr den großen, schweren Laptop rumzuschleppen.
Ein weiteres, sehr spannendes Forschungsgebiet sind sogenannte Low-Cost/Low-Information-Displays, zum Beispiel elektronische Preisschilder im Supermarkt, die über eine entsprechende Hochfrequenz-Infrastruktur einfach upgedatet werden können, ohne dass ich an jedem Display eine Batterie haben muss. Oder auch ein elektronisches Display auf meiner Geldkarte, das mir anzeigt, wie viel ich noch drauf habe.
Umweltfreundliches Design ist auch Trend bei elektronischen Displays, zum einen in Richtung geringerer Stromverbrauch. Das betrifft Hindergrundbeleuchtung, das betrifft Effizienz der eingesetzten Umwandlungsprozesse von Strom oder Spannung zu Licht. Zum anderen geht es aber auch um den Standby-Verbrauch, Stichwort bistabile Displays, sodass wenn der Bildinhalt nicht geändert wird, der Stromverbrauch sich auf Null reduziert.
Und noch ein Thema ins punkto Entsorgung elektronischer Displays, jedoch noch in sehr weiter Ferne: dass das Display genauso umweltfreundlich wird wie Papier.

Die Fragen stellte Ursula Zinsser